Der rote Ballon

Der rote Ballon, Ricardo Liniers

„Auuuuaa, verflixt nochmal, warum liegt das hier alles in der Gegend rum?“ Fluchend reibe ich mir meinen Fuß und kicke empört gegen einen Legostein, der sich gerade auf dem Weg ins Kinderzimmer in meinen Ballen gedrückt hat. Ich starre auf das Chaos zu meinen Füßen.

Offenbar willenlos aufgetürmt, aneinandergereiht und übereinandergeworfen liegen hier alle, ich wiederhole: ALLE! Spielsachen meiner Kinder auf dem Boden. Gestapelte Legosteine, aufgeschlagene Bücher, das Hüpfpferd, die Barbies, Bälle, Kuscheltiere, Playmobilfiguren, Werkbank, Kinderküchentöpfe und unvorstellbar viel mehr.

Okay, die erste und offensichtlichste Erkenntnis ist: Wir haben zu viel Kram im Haus. Die zweite lautet: Außer mir räumt hier nie jemand auf. Und die dritte: Man kann ja gar nicht mehr mit den Sachen spielen, wenn sie alle durcheinanderfliegen. So gehen sie nur kaputt oder verloren. Oder beides.

Und dann mache ich, was so manche Mutter seufzend macht, wenn die Kinder im Kindergarten sind oder schlafen oder das Sandmännchen gucken, während man selbst die Wäsche einsortieren will und sich dabei um ein Haar die Beine bricht: Ich räume auf.

Ich meine es schließlich gut mit meinen Kindern. Sie sollen nicht in einem Haufen Kram und Müll und Staub schlafen gehen, sondern in einem hübschen Kinderzimmer, in dem man das Buch, dass man vorgelesen bekommen möchte, auch findet.

Aber gut gemeint ist leider nicht immer gut gemacht. Wütend und enttäuscht ist mein Kind, als es vom Kindergarten heimkommt und mein Werk sieht. Tränen steigen ihr in die Augen. „Oh man, immer machst du Arendelle kaputt! Jetzt kann ich das nie wieder so aufbauen!“

Es dauert einen Augenblick, bis ich meinen Fehler erkennen und keine Dankbarkeit fürs Putzen und Aufräumen mehr erwarten kann. Der scheinbar willenlos aufgetürmte Haufen war Elsas und Annas Schloss. Was auch immer das Kind sich dabei gedacht hat, die Stofftiere und Hocker, Spielzeugautos und Bausteine, Möbel und Holzeisenbahnschienen mit Springseilen und Stofftüchern aneinanderzuknoten und mit ihren Haarspangen zu schmücken – es hatte sich etwas dabei gedacht und ich habe es kaputt gemacht.

Nun ist mein Kind zum Glück großmütig und schnell im Verzeihen. Es verdaut den herben Schlag und beginnt noch in der folgenden Nacht eifrig und voller Tatendrang mit dem Bau einer neuen Schlossanlage. Sie wird größer und – äh, naja, wahrscheinlich auch schöner irgendwie – als alle Arendelles zuvor.

Was ich daraus lerne ist, meinen Kindern zu vertrauen, egal wie unverständlich das, was sie gerade tun, für mich scheint. Fast alles, was Kinder machen, hat nämlich einen Sinn: Es macht sie glücklich.

Wenn meine Kinder an einer Sache Freude haben, dann sollte ich meine Augen und Ohren ganz weit öffnen und ihnen dabei zusehen, wie sie spielen und glücklich sind. Vielleicht erkenne ich dann auch wieder die Faszination der absolut einfachen Dinge im Leben – wie die eines Regensamstages.

Kurzrezension

Also, eines vorweg: Man muss offen sein für die Art, in der Liniers spricht. Und man muss offen sein für die Botschaft von Matilda und Clementina, die Töchter des Autors, die uns hier ihren perfekten Samstag zeigen. Dann wird dieses Comic-Buch zu einem großen Spaß für die ganze Familie.

 

Es ist Samstag. Matilda erklärt ihrer kleinen Schwester Clemmie ganz klar, dass ein Samstag ein ganz toller Tag ist. Ein Tag voller ungeahnter Möglichkeiten. Man könnte nahezu alles machen. Deshalb steht man an einem Samstag auch voller Begeisterung auf und das Frühstück schmeckt viel besser.

Clemmie nimmt die Aufforderung ihrer Schwester an. Sie steht mit Begeisterung auf und isst begeistert ihr Frühstück. Dann geht sie ans Fenster und sieht, dass dieser sagenhafte Samstag ein total verregneter Samstag ist. Die Begeisterung schwindet. Matilda aber meint, man müsse sich nur richtig kleiden, dann wäre Regen ganz toll.

Clemmie meint: „Nass.“

Das bleibt eine ganze Weile Clemmies Assoziation mit dem Regen: „Nass.“ Matilda meint, Clemmie müsse es probieren, dann würde es ihr gefallen, durch den Regen zu laufen. „Nass“, sagt Clemmie, und offenbart den herrlich trockenen Humor von Liniers.

 

Matilda kniet sich weiter rein, um Clemmie zu zeigen, dass dieser verregnete Samstag etwas ganz Tolles ist. Sie tobt durch den Regen und holt sogar extra einen großen Regenschirm für ihre Schwester. Doch ein Windstoß klappt den Schirm um und Clemmie ist entsetzt.

Matilda versucht weiter, Clemmie davon zu überzeugen, wieviel Spaß der Regen machen kann. Und dann lässt Clemmie sich tatsächlich auf das Spiel ihrer großen Schwester ein. Sie vertraut ihrem Gespür. Und schon empfindet sie genauso viel Spaß beim Tanz im Regen, beim Sprung durch die Pfützen, beim Regentropfenfangen mit der Zunge.

 

Schließlich zeigt der verregnete Samstag den Kindern auch noch das Allerschönste, was ein Regentag zu bieten hat: Einen Regenbogen! Die Kinder sind begeistert. Matilda meint, sie müssten dem Regenbogen etwas schenken, und holt einen Ballon. Ausgerechnet Clemmies roten Ballon.

Matilda schenkt ihn dem Regenbogen und Clemmie ist entsetzt. Hilflos läuft das kleine Mädchen ihrem davonfliegenden Ballon nach. Diese Wendung im tollen Regensamstag hat Matilda nicht gewollt. Zum Glück kann sie von Mama ein paar neue Ballons organisieren. Mit den schönen neuen bunten Ballons geht auch Clemmies Samstag fröhlich zuende. „Hatschi.“

 

Selten finden wir Kinderbücher, die mit so einfachen Bildern und Worten einen so wertvollen philosophischen Beitrag in unseren Alltag bringen: Ein Regentag ist, was wir daraus machen. Wir sind frei, zu tun, wonach uns ist. Matilda und Clementina haben das verstanden. Lassen auch wir uns wieder anstecken von der Phantasie und Lebensfreude der Kinder – egal, wie alt wir sind.

Altersempfehlung: 3-99 Jahre
Vorlesezeit: 10 unvergessliche Minuten

Daten zum Buch „Der rote Ballon“

Titel: Der rote Ballon
Autor: Ricardo Liniers Siru, Francoise Mouly
Verlag: Kunstmann
Jahr/Auflage: 2016

ISBN: 978-3956141393

Der rote Ballon

TitelwahlBewertung (1-10)Begründung
Punkte gesamt10
Titelwahl10
Aufmachung10Hardcover
DinA4
hochwertiger Comicband
wunderbar gezeichnete Stimmungen
Text/Sprache9Nun gut, es ist ein Comic. Der Text beschränkt sich also auf Sprechblasen. Aber hier liegt die Würze in der bekannten Kürze. Allerdings wird das Vorlesen dadurch natürlich erschwert, daher ein Pünktchen Abzug.
Inhalt10Matilda und Clemi wachen auf. Es ist Samstag. Matilda weiß, dass Samstage etwas ganz tolles sind, selbst wenn es regnet. Ob sie Clemmi davon überzeugen kann?
Pädagogische Themen10Geschwister
Freude an simplen Regentagen
Freiheit
Pädagogischer Wert9Schöner kann man die Freude am Einfachen wohl kaum übermitteln. Dennoch ist das Buch fast eher für Erwachsene, als für Kinder notwendig.
Schlüssigkeit/Logik10Natürlich müssen die Kinder dem Regenbogen etwas schenken. Das ist doch jedem sofort klar!
Kreativität10